92 Stunden Dunkelheit – und trotzdem hellauf begeistert

Ich sitze an diesem Dienstagmorgen auf meinem Flug nach Berlin. Reihe 27, Platz A. Das war wichtig. Der Flug Richtung Süden geht früh. Die Sonne geht im Osten auf, ich will – ich muss einen Platz am Fenster haben. Egal wo!

Sonnenaufgang auf dem Flug gen Süden
Sonnenstrahlen am Horizont

Und so sitze ich da und genieße die ersten Sonnenstrahlen am Horizont. Eine ganze Weile schaue ich über die Tragfläche und freue mich über das auf meinem Gesicht tanzende und wärmende Licht. Komisch – ist ja nicht so, dass es in den vergangenen Tagen nicht vieles gab, was mich begeistert hat. Aber diese ansonsten so unbeachtete Selbstverständlichkeit war in diesem Moment so unglaublich wertvoll und schön.

Genau 92 Stunden vorher habe ich mich von Oslo auf den Weg gemacht nach Longyearbyen, dem nördlichsten Verkehrsflughafen der Welt. Nicht wegen dieser Besonderheit, sondern um die Inselgruppe Spitzbergen kennen zu lernen. Viel mehr als Nordpolarmeer, Eisbären, Abenteurer und Walfang hatte ich nicht im gedanklichen Gepäck. Dafür ganz viel Neugierde und Wissensdurst, der an diesem langen Wochenende gestillt werden sollte. Genauso wie die Sehnsucht nach dem Licht geweckt wurde, welches mich trotz unzähliger Reisen bisher nie verlassen hat.

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Willkommen am Flughafen Longyearbyen

78° nördliche Breite
Als Touristiker gehört es per se zu meinem Job neue Reiseideen zu entwickeln, auszuloten was wir als Reiseveranstalter unseren Gästen anbieten wollen und können. Bei all der Freude die wir in den Vorjahren mit unseren Winterreisen nach Finnisch Lappland vermitteln konnten lag es also nahe, sich auch in Norwegen umzuschauen. Und von Norwegen ist es nicht weit nach Spitzbergen. Gedanklich zumindest. Denn 78 Grad nördliche Breite bedeuten im Umkehrschluss, dass es zum Nordpol hier oben näher ist als nach Oslo.

Longyearbyen
Der kleine Ort Longyearbyen gilt als urbanes Zentrum der Inselgruppe. Hier leben die meisten Einwohner, hier spielt sich das Leben ab. Eine Handvoll Straßen, eine kleine Universität, eine Hauptstraße mit Bars und Restaurants, drei Hotels und ein Krankenhaus. Fast alle Häuser auf Stelzen, ein wenig Schnee und Eis und noch weniger Licht. So ist der erste Eindruck. Okay, aber hier kommt ja auch niemand wegen einem Städtetrip her.

Stadt Longyearbyen
Hauptstraße von Longyearbyen

Überlebenswichtig
Ein erster Bummel über die Hauptstraße, ein erster Blick in eins zwei Läden und Restaurants offenbart eine herzliche Offenheit und das Gefühl willkommen zu sein. So kenne ich es aus dem Norden und fühle mich spontan sehr wohl. Als ich in einem der zwei drei Expeditions- und Outdoorausstatter auf einmal in einem Bereich mit Gewehren und Munition stehe, verschlägt es mir die Sprache. Nur kurz, aber immerhin. Auf meine Fragen an die Verkäuferin gibt es Antworten, schlüssige dazu. Das sei hier wichtig, überlebenswichtig. Wer den Ort verlässt und die Inselgruppe erkunden will kann und darf dies nur mit geeigneter Waffe, um im Fall des Falles die Begegnung mit einem Eisbären zu überleben. Ein Ausweis und der Nachweis über den Umgang mit Waffen genügen. Ups, das saß beim ehemaligen Zivi und Kriegsdienstverweigerer.

 

Elementares Leben
Beim anschließenden Essen mit meinen norwegischen Partnern bleibt Zeit, das Thema zu vertiefen, zu verstehen. Die Guides hier auf Spitzbergen wissen um die Sensibilität des Themas. Und vor allem, wonach dem Besucher der Sinn steht. Eine Fahrt mit dem Motorschlitten auf zugefrorenen Flüssen, über weite Ebenen lässt mich schlagartig diesen Hauch von Abenteuer spüren, den ich trotz aller Normalität im Leben immer wieder gerne fühle. Der eisig schneidende Fahrtwind und die raue Natur machen die Fahrt zu einem Erlebnis. Und im leichten Kontrast zwischen Dunkelheit und schneebedeckter Oberfläche nehmen selbst unsere ungeschulten Augen Bewegungen war, Tiere. Unsere Guides klären uns auf. Rentiere, aber mit Besonderheiten, anders als die ich von Lappland kenne. Ja, die Natur hat´s drauf, auch im hohen Norden!
Weiter geht die Fahrt, bis ans Ende eines sich immer weiter verjüngenden kleinen Talkessels, welches sich später in den Erklärungen unseres Guides als Flussbett outen wird. An einem rasch entzündeten Feuer und wärmende Suppe löffelnd lauschen wir den Guides. Eigene Gedanken und abenteuerliche Geschichten vermischen sich. Es ist schön, das Leben so elementar zu spüren.

 

 

Skandinavische Behaglichkeit
Gut 90 Fahrkilometer auf einem Motorschlitten, viel frische Luft und noch mehr Eindrücke wollen verarbeitet werden. Und so war ich dankbar für das wirklich einladende und gut zu diesem Fleckchen Erde passenden Svalbard Hotel, das schnörkellosen skandinavischen Stil mit Behaglichkeit und sehr gutem Essen verbindet. Chapeau – das hatte ich anders und rustikaler erwartet. Aber auch im Blockhausstil lässt es sich unter kommen. Das Basecamp Hotel kommt optisch eher im rustikalen Trapper-Stil daher. Hier muss man einfach schauen, was man für die Stunden nach den Ausflügen am liebsten mag.

 

Ein weiterer Ausflug führte mich auf den – nennen wir es Hausgletscher von Longyearbyen. Ein Paar Eiskrallen kamen unter meine Winterwanderstiefel, die Stirnlampe sorgte für das notwendige Licht. Auch hier dabei, der Guide mit Gewehr. Nach wie vor gewöhnungsbedürftig, aber ich wusste ja warum. Der stete, aber für halbwegs Aktive gut machbare Aufstieg bot viele tolle Aussichten. Überhaupt entwickelte ich in der Polarnacht, wohl auch auf Grund des wenigen Lichts und der Reflexionen eben dieses auf Schnee und Eis, einen Blick für Kleinigkeiten und Details, die mir vielleicht so verschlossen geblieben wären. Sportliche Wanderer, manche mit Touring-Skiern, manche auch mit Schneeschuhen unterwegs hatten andere Ziele – wir wollten zu den Gletscherhöhlen, die sich wohl jeden Winter an dieser Stelle bilden. Und auch wenn beim Wandern ja oft der Weg das Ziel ist, so waren diese beiden Höhlen doch ein Höhepunkt des Wandertages.

Beim Abstieg bat dann noch das Nordlicht zu einem kleinen Tänzchen. Schön war der Tag, wurde aber noch gekrönt.

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Polarlichter live sind immer wieder schön

 

Kulinarische Raffinesse
Das Essen gehen auf Spitzbergen nicht einfach nur Nahrungsaufnahme bedeutet habe ich schon am Freitag- und Samstagabend mitbekommen. Das was sich uns dann aber Sonntagabend bot, toppte jede Vorstellung dessen, was kulinarisch so abseits gut besuchter Restaurants vorstellbar war. Ein 12-Gang-Menü voller Kreativität, regionaler Zutaten und küchentechnischer Raffinesse hat mir als passioniertem Koch einfach den Atem verschlagen. Zum zweiten Mal Hut ab. Auch dies habe ich auf Spitzbergen so nicht erwartet.

Skandinavisches 12-Gang-Menü
Köstliches skandinavisches 12-Gang-Menü

 

Und ja, ich gebe es zu – wenn Touristiker reisen gibt es immer wieder Mal etwas zum Schmunzeln. Ich wusste schon, dass die Polarnacht im Winter den hohen Norden im Griff hat. Aber das sie so dunkel ist – nein, dass habe ich mir einfach nicht vorstellen können. Und bei dieser Reise gelernt. Wie einiges andere auch. Es war eine unglaublich schöne Tour. Zu einem Reiseziel, welches Spuren hinterlassen hat. Und mich zu einer anderen Zeit ganz sicher noch einmal willkommen heißen wird. Gerne wieder in so angenehmer Reisebegleitung – Anne-Marte und Thor – ich sage von Herzen danke für die wunderbaren Eindrücke von Spitzbergen.

Naturreisen Norwegen Reiseziel Spitzbergen Wandern

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